Leben Im Dialog: Unterstützte Kommunikation Über Die Gesamte Lebensspanne

Leben Im Dialog: Unterstützte Kommunikation Über Die Gesamte Lebensspanne

Autor : Jens Boenisch,katrin Otto
Geschlecht : Bücher, Fachbücher, Pädagogik,
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Leben Im Dialog: Unterstützte Kommunikation Über Die Gesamte Lebensspanne

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten. Vorwort zur TagungKommunikation ist das Elixier menschlichen Lebens. Es regt uns an, verbindet uns, macht unser Leben reicher und begleitet uns ein Leben lang. Menschliches Leben kann sich eben nur im Dialog mit anderen vollziehen; insofern ist Kom-munikation unverzichtbare Voraussetzung wie Ziel menschlichen Verhaltens und Erlebens.Von frühkindlichen Versuchen, unsere Identität in der Resonanz mit unseren Bezugspersonen zu spiegeln, bis zum Erlöschen unserer Lebenskräfte: Kom-munikation steht am Anfang und ist auch das Letzte, was sich am Lebensende verabschiedet.In diesem weiten Spannungsbogen sind Menschen, die nicht oder nicht hinrei-chend über Lautsprache verfügen können, besonders gefordert.Dazu wird in dem vorgelegten Tagungsband ein breit gefächerter Blick in die reichhaltigen Möglichkeiten Unterstützter Kommunikation eröffnet. Wie in einem Kaleidoskop erschließen sich Einblicke, zeigen sich Facetten, kristalli-sieren sich neue Einsichten und formen sich Bruchstücke zu neuen strukturellen Möglichkeiten.Damit dies kein unsicheres Kartenhaus bleibt oder gar eine Panoptikum unver-bindlicher Möglichkeiten darstellt, werden grundlegend sichernde Pfähle, Stre-ben und Verbindungen einer Theorie eingezogen.Auf dieser ersten theoretischen Verortung der Unterstützten Kommunikation kann dann ein breiter Strauß der vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten vom menschlichen Säugling bis zum Menschen im Alter, von früh sich herausbilden-der Stabilität der Kommunikation bis zum fragilen Rand des Lebens auffächern: Altersdemenz, progrediente Behinderungen, Koma, Locked-in Syndrom und Kommunikation in Anbetracht des nahenden Todes.Damit ist der Bogen weit, fast bis zum Zerreißen gespannt.Als Wissenschaftlicher Beirat von ISAAC und Vertreter der Fakultät Rehabili-tationswissenschaften wünsche ich allen eine gute Orientierung, erweiternden Erkenntnisgewinn und einen kommunikativen Tag, der sich nicht nur inhaltlich über das gesamte Leben spannt, sondern auch intentional spannende Gedanken und Anregungen mit sich bringt. Dortmund, im Juli 2005 Christoph LeyendeckerTagungsleitungVorwort der HerausgeberUnterstützte Kommunikation ist in aller Munde. Und zwar nicht nur im sonder-pädagogischen Lehrermund, sondern sie wird zunehmend auch in der Frühför-derung, in der Sprachtherapie, im nachschulischen Bereich sowie nach und nach auch im Alter eingesetzt. Wir nähern uns somit langsam dem übergeord-neten Ziel der Unterstützten Kommunikation, auch bei schweren Kommunika-tionsbeeinträchtigungen ein Leben im Dialog gestalten zu können. Unterstützte Kommunikation über die gesamte Lebensspanne soll daher nicht nur als Titel der 8. ISAAC-Fachtagung und im Untertitel dieses Buches erscheinen, sondern verweist auch auf das inhaltliche Programm, ist Ansporn und Orientierung für die weitere Entwicklung der Unterstützten Kommunikation im deutschsprachigen Raum. Mit der Herausgeberschaft einer eigenen ISAAC-Zeitung, der Durchfüh-rung von bundesweiten Fachtagungen, von Regionalfortbildungen, von regelmä-ßigen Referentenfortbildungen, von wissenschaftlicher Forschung und nicht zuletzt durch die Entwicklung eines eigenen Ausbildungslehrganges (Lehrgang Unterstützte Kommunikation), der zunehmenden Einbindung dieses Konzeptes in logopädische und universitäre Ausbildungsgänge (Körper-, Geistig- und Sprachbehindertenpädagogik) entwickelt sich Unterstützte Kommunikation von einem an-fänglich zusätzlichen Förderkonzept - vor allem für Kinder an Schulen für Körperbehinderte und Schulen für Geistigbehinderte - hin zu einer eigenen Profession. Bereits 15 Jahre nach Einführung der Unterstützten Kommunikation in Deutschland ist UK nicht mehr ausschließlich an einzelne Fachrichtungen in der sonderpädagogischen Lehrerausbildung gebunden, sondern wird im Zuge der universitären Modularisierungsprozesse mehr und mehr als sogenanntes Querla-genstudium verstanden. D.h. UK wird zum grundlegenden Ausbildungsbestand-teil von Sprachtherapeuten/-innen und Sonderpädagogen/-innen mit dem Schwer-punkt Sinnes-, Körper- und Sprachbehinderungen. Gerade diese Loslösung von der bisher überwiegend noch an Fachrichtungen gebundenen Ausbildung ist eine qualitative Aufwertung der Unterstützten Kommunikation. Zwar gibt es noch weiße Flecken in der universitären und logopädischen Ausbildungslandschaft bezüglich UK, grundsätzlich kann man die gegenwärtige Diskussion und Ein-bindung aber durchaus als positive Entwicklung im Sinne einer zunehmenden Professionalisierung dieses Fachgebietes verstehen, die sich sogar auf unter-schiedliche Ausbildungsberufe und Ausbildungsebenen erstreckt. Der UK-Pädagoge und die UK-Pädagogin sind in den Institutionen der Frühförderung, der Schule, den nachschulischen Institutionen wie Werkstatt für Menschen mit Behinderungen, Tagesförderstätten und Wohnheimen für Menschen mit Behin-derungen gefragt wie nie zuvor. Sprachtherapeutische Praxen fragen bei Ein-stellungsgesprächen immer häufiger nach UK-Kompetenzen. Die in dieser Herausgeberschrift mit aufgenommenen Bereiche UK im Alter und UK bei degenerativen Erkrankungen, Wachkoma und Traumatisierungen sind zwar noch ein neues, relativ unentdecktes Feld. Die vorliegenden Beiträge machen jedoch unmissverständlich deutlich, dass es sich hier um ein ebenso spannendes wie bedeutendes Arbeitsfeld in der Rehabilitation erwachsener Menschen mit schweren Kommunikationsbeeinträchtigungen handelt. Mit dieser Loslösung vom traditionell schulischen Blick der Unterstützten Kommunikation erweitert sich nicht nur der Horizont von UK. Sie steigt ein in eine neue Dimension päda-gogisch-therapeutischer Interventionen. Statt aktiv zu werden, wenn die Kinder die Hände der Mediziner verlassen und in die Frühförderung oder Schule kom-men, wird UK nun auch eingebunden in einen medizinisch dominierten Arbeits-bereich der Akutversorgung im Krankenhaus, der Anschlussheilbehandlung im Rehabilitationszentrum sowie in geriatrischen Institutionen. Leben im Dialog gilt eben nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern erstreckt sich über die gesam-te Lebensspanne. Mit dieser Herausgeberschrift soll ein erster Schritt in diese neue Dimension pädagogisch-therapeutischer Förderung gewagt werden.Zur inhaltlichen Grundlegung und terminologischen Abgrenzung in einem inter-disziplinär und auf Kooperation angelegten Arbeitsfeld stehen im ersten Haupt-kapitel theoretische Grundpositionen und linguistische Aspekte im Vordergrund der Auseinandersetzung. Gregor Dupuis eröffnet diese Beitragsreihe mit der Positionierung von UK und Sprachtherapie. Der Autor verweist zu Recht auf die sprachtherapeutischen Aufgaben, die unter bestimmten Voraussetzungen auch im Rahmen der Unterstützten Kommunikation sowohl in ambulanten als auch stati-onären Institutionen, in Bildungs- und Beratungseinrichtungen, in therapeuti-schen Praxen und Kliniken anstehen. Es wird auf der Grundlage einer umfangrei-chen Literaturrecherche und Analyse fachspezifischer Publikationen der aktuelle Stand und die Perspektiven der Bezüge zwischen UK und Sprachtherapie heraus-gestellt. Dabei geht Gregor Dupuis auch der Frage nach, welche Faktoren bisher eine stärkere Einbindung der Sprachtherapie in die UK-Förderung gestärkt bzw. verhindert haben. Auch die gesetzlichen Aspekte bleiben dabei nicht unberück-sichtigt. Damit liegt eine grundlegende Klärung zum seit Jahren problematischen Verhältnis zwischen UK und Sprachtherapie vor.Dorothea Lage entwickelt auf der Basis der Theorie des kommunikativen Han-delns von Jürgen Habermas eine soziologisch fundierte Konzeption für eine The-orie der Unterstützten Kommunikation. Dabei werden auch klassische Kommu-nikationsaxiome („Man kann nicht nicht kommunizieren“) kritisch hinterfragt und vor dem Hintergrund der Bezugsgruppe, die noch nicht oder bisher nur inten-tional kommunizieren kann, analysiert. Die drei Wissenschaftsbereiche Entwick-lungspsychologie, Soziologie und...